Ahnenforschung per Gentest | Dirk Steffens


„Ob blaue Augen oder braune, helle Haut oder dunkle, glatte Haare oder krause. Wir haben genetische Spuren von überall her.“ Um diesen genetischen Spuren auf den Grund zu gehen, braucht es heutzutage nicht viel. Ein bisschen Speichel in ein Labor nach Übersee geschickt und ein paar Wochen später ist das Ergebnis online abrufbar. Für viele ein verlockender Service. In jeder einzelnen Zelle ist die gesamte Erbinformation eines Menschen gespeichert. Auf einem zur Doppelhelix geschraubten Riesenmolekül – der DNA. Seit fast 60 Jahren können Wissenschaftler den geheimnisvollen Code ihrer Bausteine entziffern. Im Jahr 2000 gelingt der Durchbruch. Das komplette menschliche Erbgut ist entschlüsselt und damit auch die Tür für kommerzielle Gentests aufgestoßen. “Wie finden Sie’s denn überhaupt, wenn Menschen ihre DNA sequenzieren lassen, so individuell?” “Ich denke, es ist eine Form von Stammbaumkunde, die Menschen sind interessiert an ihren Vorfahren. Es gibt viele Menschen, die haben ihren Stammbaum, ihren Familienstammbaum irgendwo in einem Buch oder vielleicht sogar im Flur hängen. Der geht dann aber häufig nur auf eine Person zurück und ich glaube, was das hier zeigt, ist, wir gehen nicht nur auf eine Person zurück.” Eine Hälfte der Gene erben wir von unserer Mutter, die andere vom Vater. Die haben ihre Gene ebenfalls von beiden Elternteilen geerbt und die wiederrum von ihren. Immer weiter und weiter zurück. Und in jeder Generation werden die Erbanlagen der Vorfahren neu gemischt. Ein buntes Mosaik, in dem sich rein rechnerisch mehr Ahnen tummeln, als wir überhaupt DNA-Abschnitte haben. “In jeder Generation verdoppeln sich unsere Vorfahren. Über 200 Jahre haben wir tausend Vorfahren, über 400 Jahre haben wir 1 Million Vorfahren und über 600 Jahre haben wir 1 Milliarde Vorfahren.” “Das heißt ja, dass Prince Charles mit dem Vorfahren seiner Königsfamilie vor tausend Jahren gar nicht enger verwandt ist als ich.” “Höchstwahrscheinlich. Also, das kann gut sein, wenn ich mir vorstelle, dass jemand ein Adliger einen Stammbaum hat, der bis ins 10. oder 11. Jahrhundert zurückgeht, dann bin ich wahrscheinlich genauso eng mit dieser Person verwandt.” Und weil die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte sehr wanderfreudig war, verteilt sich die Milliarde Vorfahren auf eine so große Fläche, dass jeder Mensch Gene aus vielen verschiedenen Regionen in sich trägt. Ein Unternehmen, das in großem Stil Speichelproben auswertet, ist nicht nur ein wissenschaftliches Labor. – Es ist eine riesige Datenbank. Beim größten amerikanischen Anbieter sind seit 2006 schon über zwei Millionen Proben ausgewertet und in ebenso viele Datensätze verwandelt worden. Das Erbgut des Einzelnen wird mit der gesamten Datenbank verglichen: Auf der Suche nach DNA-Sequenzen, die für bestimmte ethnisch-geografische Bevölkerungsgruppen typisch sind. Aus ihrer Verteilung wird die individuelle Gruppenzugehörigkeit berechnet. “Was steht in meinen Genen hier? Also, 34 % nordwesteuropäisch, was haben wir hier, gut 20 % skandinavisch, 20 % französisch-deutsch, 10 % britisch-irisch, finnisch, bisschen was vom Balkan, Südeuropa, Aschkenasim – also jüdisch. Macht 100 % Dirk Steffens, aber was erzählt mir das denn jetzt?” “Ja, was es Ihnen im Prinzip sagt, ist: Sie sind Europäer. Das ist vielleicht für Sie keine große Überraschung, aber es zeigt im Prinzip, dass Sie mit verschiedenen Gruppen aus Europa verwandt sind. Das ist keine große Überraschung. Wir wissen, dass die Europäer sehr eng miteinander verwandt sind. Wir sind im Prinzip alle dieses genetische Potpourri unterschiedlicher europäischer Populationen.” Neben wenig überraschenden Ergebnissen kritisieren Evolutionsgenetiker auch die Seriosität solcher Gentests. Die Prozentzahlen seien rein statistisch, aus einer sehr begrenzten Datenbank der Weltbevölkerung ermittelt. Sie werfen den kommerziellen Testanbietern vor, eine Art „genetische Astrologie“ zu betreiben. Und dahinter dem Verkauf steckten ganz andere Profitinteressen. Mit dem Einsenden seiner Speichelprobe willigt der Kunde nicht nur ein, dass sein Erbgut Teil der Datenbank wird, sondern auch dass es weiterverkauft werden darf. Ein äußerst lukratives Geschäft. DNA-Daten sind der Rohstoff einer boomenden Genomik-Branche. Der Marktwert der größten amerikanische Gen-Datenbank wird auf 1,76 Milliarden Dollar geschätzt. Aus den DNA-Daten lassen sich die Anlagen für erbliche Krankheiten, wie Alzheimer oder Parkinson ablesen. Kostbar für die Forschung doch für den Einzelnen von fraglichem Wert. In Deutschland darf nur ein Arzt diagnostische Gentests anordnen und er muss seinem Patienten auch dessen Ergebnisse verständlich machen. Selbstbedienungs-Gentests aus dem Internet lassen die Betroffenen dagegen mit ihren Fragen allein. Man sollte sich die Konsequenzen also gut überlegen. Schließlich bleibt auch ohne Gentest die Erkenntnis, dass ALLE Menschen, egal ob Europäer, Afrikaner oder Asiaten zu 99,5% das gleiche Erbgut haben. „Die Wanderungen der Menschheit, die sind in unserer DNA verewigt und so gesehen trägt jeder Mensch – jeder von uns – die gesamte Geschichte der Menschheit in sich.“

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